Woche des Sehens - Tasten wie ein Blinder: Betroffene laden ins Dunkle ein

Im Alltag ohne Augenlicht zurecht zu kommen, kann man sich als Sehender kaum vorstellen. Bei einem „Dialog im Dunkeln" gab's jetzt Gelegenheit, sich in die Welt der Blinden einzufühlen. Die müssen in der Stadt bald eine Hürde weniger nehmen. Das wird doch nie was, ohne zu kleckern! Im dunklen Raum und mit Augenmaske Kaffeetasse und Teller ertasten, sich Wasser eingießen, Kuchen auf dem Teller finden, ihn mit der Kuchengabel in Portionen teilen und zielsicher zum Mund führen — das ist eine echte Herausforderung für Leute, die sonst sehen können, was sie tun. „Man denkt gleich ganz anders", findet Vize-Oberbürgermeister Peter Modemann. Er war einer von mehreren Gästen, die sich am Mittwoch im gut abgedunkelten Trau-Raum des Standesamtes im Friedländer Tor für eine halbe Stunde in die Welt der Blinden und Sehbehinderten hineinversetzten.

In der „Woche des Se­hens" mit dem „Tag des wei­ßen Stockes" als Höhepunkt lässt sich die Gebietsgruppe Neubrandenburg des Blin­den- und Sehbehinderten-Vereins alljährlich Aktionen einfallen, um auf die Proble­me Betroffener aufmerksam zu machen. Diesmal gab's einen Dialog im Dunkeln.

Da­bei erfuhren Mitarbeiter aus Stadt- und Kreisverwaltung und von der Selbsthilfekon­taktstelle, wieviele Hürden Blinde und Sehbehinderte im Alltag nehmen müssen, wie schwer es zum Beispiel ist, sich ohne Sehkraft durch die Stadt oder im Trubel eines Einkaufs-Centers zu. bewe­gen. Und sie erfuhren auch, wie wichtig verschiedene Hilfsmittel — zum Beispiel

mit Spracherkennung — sind, um den Betroffenen den All­tag zu erleichtern und ein selbstbestimmtes Leben über­haupt führen zu können. „Da­mit wollen wir auch zeigen, wofür wir das Blindengeld brauchen", so Andreas Klien, der Leiter der Gruppe. Denn diese speziellen Hilfsmittel sind oft sehr preisintensiv.

Dass auch in der Stadt noch viele Barrieren Blinden und Sehbehinderten das Le­ben schwer machen, wurde unter anderem bei einem Stadtrundgang im Frühjahr deutlich (der Nordkurier be­richtete). Die Hürden, die da­mals im Vorfeld der Aktion zusammengetragen wurden, sollen nach und nach abge­baut werden. So ist geplant, an diesem Freitag das Blin­denleitsystem am Übergang zwischen Turmstraße und Marktplatz aufzukleben, kündigte die Behinderten­beauftragte der Stadt Heike Beck-Helbing an. Damit soll sowohl durch einen Farb­unterschied zum Pflaster als auch durch eine andere Ober­fläche für Blinde und Sehbe­hinderte der Zebrastreifen besser auffindbar sein.

Die Stadt sieht das als eine Art Musterfläche. Man wolle sehen, wie gut das Ma­terial den Winter übersteht, bevor weitere schwierige Bereiche in der Stadt mit einem solchen Leitsystem versehen werden, so Heike Beck-Helbing. Ein weiteres Ziel seien Auffindestreifen für Sehbehinderte vor allen öffentlichen Gebäuden. Vor der Bibliothek und dem HKB beispielsweise gebe es diese Flächen schon.

Quelle: Nordkurier Neubrandenburg 13.10.16