Sehbehindertentag 2019

Jedes Jahr gibt es am 6. Juni den Tag der Sehbehinderten. Unser Verein hat sich in diesem Jahr entschlossen, anlässlich dieses Tages das Müritzeum in Waren zu besuchen. Dazu gab es im Vorfeld ein Gespräch mit Frau Schadlowski . Wir besprachen, wie wir trotz Sehbehinderung oder Blindheit diesen Besuch im Museum gestalten können. Der Vorsitzende des Vereins, Herr Karl-Heinz Ott, fragte an, ob die Möglichkeit besteht, bestimmte Teile ertasten zu können, damit die Erläuterungen durch das Betasten für die Sehbehinderten und Blinden eine überzeugende Vorstellung erhalten.

16 Vereinsmitglieder fanden sich um 14.00 Uhr am Müritzeum ein und wurden von Frau Schadlowski herzlich begrüßt. Jeder Blinde oder Sehbehinderte erhielt eine sehende oder noch ausreichend sehende Begleitperson zugestellt, so dass die Sicherheit bei der Begehung der musealen Räume gewährleistet war.

Auf der 1. Stadion erläuterte uns Frau Schadlowski etwas über die Baumart Buche und über die Eiche. In Mecklenburg Vorpommern gehören zwei Waldgebiete der Buche zum Weltkulturerbe der  UNESKO. Das sind die Buchenwälder Jasmund auf Rügen und Serahn im Havelland des Müritz-Nationalparkes. Dort sind die Wälder völlig der Natur überlassen. Der Mensch greift hier in keiner Weise im natürlichen Ablauf ein. Frau Schadlowski verwies auch auf die große Bedeutung des Totholzes hin. Ein toter umgefallener Baum schafft wieder Licht für eine neue heranwachsende Generation und wird zum Lebensraum der Schwämme, Pilze und vieler Kleinstlebewesen. Letztendlich wird er wieder zu Humus. Zur großen Freude der Sehbehinderten und Blinden hatte Frau Schadlowski einen Zunderschwamm, ein Stück Buchenholz und ein Stück halbverwestes Buchenholz als Anschauungsobjekt zum Ertasten rumgereicht. Im Raum war auch ein großer Stamm einer  Eiche aufgebaut, die ebenfalls jeder berühren konnte. Frau Schadlowski verwies auch auf die tausendjährigen Eichen in Ivenack und auf die Geschichte des Schimmels aus Ivenack, den sich damals Napoleon aneignete und der Ihn auf seinen europäischen Feldzügen als stets treuer Freund begleitete.

Im nächsten Raum ging es darum, Vogelstimmen zu erraten. Auch erläuterte Frau Schadlowski interessantes über verschiedene Vogelarten wie z.B. dem Seeadler, Fischadler, Uhu usw. Andächtig lauschten alle den Stimmen des Spechtes, des Kleibers, des Neuntöter, des Fischadlers und vieler anderer Vögel. Viele Vogelstimmen wurden von den Anwesenden erraten. Einen Eisvogel konnten wir uns als Anschauungsobjekt ansehen bzw. ertasten. Die Eule ist in der Lage, fast geräuschlos durch die Luft zu fliegen. Das ist durch die Besonderheit ihres Gefieders möglich. Um auch das zu veranschaulichen, überreichte uns Frau Schadlowski eine Feder zum Ertasten von einer Taube und einer Eule.

In einem weiteren Raum erlebten wir Stimmen aus dem Wald, die wir auch erraten sollten. Wir hörten die Stimmen vom röhrenden Hirsch, vom Rehbock, vom Wildschwein, vom Fuchs,  von Waschbären und vom Marderhund. Aber auch vom Laubfrosch, Unken und vom Moorfrosch. Die Waschbären und Marderhunde sind in unseren Wäldern zugewandert und fühlen sich sehr wohl bei uns in Europa. Auch hier erhielten wir Anschauungsobjekte, die wir auch ertasten konnten. Das waren ein Stück Fell vom Hirsch und Reh, ein Gehörn vom Rehbock und ein Stoßzahn vom Wildschwein. 

Als letzte Station stiegen wir ab ins Erdgeschoss. Auf einer ganzen Etage des neuen Ausstellungsgebäudes, dem Haus der 1000 Seen, werden in derzeit 26 Becken etwa 40 Fischarten sowie Krebse und andere Wasserbewohner gezeigt. Im Mittelpunkt steht das 105.000 Liter fassende Tiefenbecken, das mit je einem Schwarm der Großen und der Kleinen Maräne besetzt ist. Die typischen Fische der Flüsse und Bäche werden in einem nachgestalteten Flusslauf vorgestellt. Hierunter sind auch Störe; diese Fischart ist vom Aussterben bedroht. Mit Nachzuchtprogrammen sollen die beiden ehemals in der Nord- und Ostsee häufig vorkommenden Störarten wieder angesiedelt werden. Darüber hinaus werden drei weitere Störarten gezeigt. Von 2014 bis zu seinem Tod im November 2016 wurde hier ein „goldener“ Hecht in einem Sonderbecken gehalten, der im Malchiner See gefangen wurde. In einem der nachgestellten Flussläufe verschwanden eines Tages Fische, was man sich nicht erklären konnte. Deshalb legten sich 2 Mitarbeiter des Museums auf die Lauer und ertappten einen Fischotter auf frischer Tat. Er hatte sich über einen Zulauf in das Becken geschlichen und verspeiste nun einen Fisch nach dem anderen. Heute sind alle Fische in Sicherheit, weil ein Gitter dem Fischotter den Weg versperrt.

Viel zu schnell waren die vereinbarten 75 Minuten der Führung vorbei. Nun ergriff noch einmal Herr Ott das Wort und bedankte sich im Namen des Vereins bei Frau Schadlowski. Er verwies auf ihre sehr sympathische und herzliche Ausstrahlung. Ihr Vortrag war äußerst professionell, informativ mit verständlichen Worten vorgetragen ohne dass jemand überfordert wurde. Auch ein großes Lob an das sehr überzeugende Konzept des Müritzeums. Als Sehbehinderte und Blinde freuen wir uns sehr darüber, wie Frau Schadlowski es verstanden hat, uns das oben beschriebene Konzept anschaulich nahe zu bringen.

Nach einer herzlichen Verabschiedung von Frau Schadlowski war die Veranstaltung zum Tag der Sehbehinderten noch nicht zu Ende. Alle marschierten nun zur Gaststätte Alt Waren. Dort hatte das Gaststättenteam eine lange Tafel für uns bereitgestellt. Bei Kaffee, Kuchen, Waffeln und verschiedenen Getränken plauderten alle in allerbester Laune und Fröhlichkeit miteinander. Das Taxiunternehmen musste jedenfalls einige von unseren  gehbehinderten Mitgliedern eine Stunde später nach Hause fahren.

Dank der professionellen Führung durch Frau Schadlowski im Müritzeum und der sehr freundlichen Bewirtung in der Gaststätte werden die Mitglieder des Blinden- und Sehbehindertenvereins Müritz diese wunderschönen Stunden in bester Erinnerung behalten können. Einen herzlichen Dank auch an unsere Frau Ute Bölter, die im Detail wieder einmal alles perfekt organisiert hatte.

Verfasser des Artikels: Karl-Heinz Ott
Gebietsgruppe Müritz des Blinden- und Sehbehinderten-Vereins MV e.V.